Eine simple Hacker Attacke?

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Kampala Jina-Kampala Road

Langweilig ist es in Uganda ganz sicher nicht. Hat man nicht mit Korruption zu kaempfen, oder mit ungenuegend ausgebildeten oder desmotivierten Kollegen und Mitarbeitern, oder regt sich ueber mangelhafte Qualitaet von irgendetwas auf, oder sucht die gruene Mamba im Garten, die vom Hausmeister gesichtet wurde, dann ist es zur Abwechslung mal ein Erpressungsversuch und Datenmissbrauch.

Eine Email, die das Email-Programm unter ‚Spam’ verbucht; ein lapidarer Zweizeiler im Sinne von „Zahle innerhalb von 48 Stunden oder ich finde einen anderen Kunden fuer die Bilder Deiner Machenschaften hier in Uganda.“ Von Neugier getrieben, obwohl man sich denkt, wahrscheinlich sei das wie immer lediglich irgendwelches Spam, oeffnet man dann doch die angehaengte Dateianlage und ploetzlich oeffnet sich auf dem Bildschirm ein Schnappschuss, welchen der eigene Ehemann mal vor einer Weile so zum Spass gemacht hat.

Erster Gedanke: Hackerattacke! So ein Mist – die tausende Antivirus-Programme, Firewalls, Spyware, die man staendig durchlaufen laesst haben versagt.

Unverzueglich wird im Internet gesurft, Foren gelesen, noch mehr Antiviren und Spyware Programme runtergeladen. Der Computer wird von oben bis unten untersucht – nichts zu finden, ausser ueber 400 Cookies, die vom Hausmeister Login auf hunderte verschiedene Sexwebseiten verweisen (ich hatte gar nicht gewusst, dass es ueberhaupt so viele gibt).

Naechster Gedanke: Hausmeister – der Halunke! So nutzt der Typ das ihm entgegengebrachte Vertrauen aus.

Da ist aber ein kleiner Haken, der zu Denken gibt – die zugeschickten Bilder, obwohl man diese kennt und sich auch erinnert, ungefaehr wann sie geknippst wurden sind auf dem eigenen Privatcomputer zu Hause nicht zu finden. Die Nummern (DSC000xxx) zeigen Bilder von Kampala. Trotz gesurfter Pornowebseiten und der inzwischen angestauten Wut ueber den Eingriff in die Privatsphaere muss man den Hausmeister also aus dem Verdacht ausschliessen. Die Bilder waren nie auf dem Privatrechner, also kann er sie nicht irgendwohin geschickt oder auf einen USB-Stick kopiert haben.

Wo waren die Bilder denn dann?

Oh Gott! Arbeitslaptop, welchen ich im Juni zurueckgeben musste, nach meiner Vertragsaufloesung. Natuerlich hatte ich alle Daten vor Rueckgabe geloescht, allerdings – irgendwie hatte ich meiner Entsendeorganisation doch noch einen Restfunken an Professionalitaet zugetraut – die Festplatte nicht vorsorglich formatiert und mehrfach ueberschrieben.

Heute morgen also Besuch des Landesbueros, wo ich eigentlich nie wieder einen Schritt reinsetzen wollte – erfolglos. Meine Bitte mir Auskunft zum Verbleib des Laptops zu geben muesse man erst intern diskutieren.

Botschaft – das sei aber schlimm, falle aber leider nicht in deren Zustaendigkeitsbereich – wenn man mehr Faelle davon haette, dann… aber… ich solle vielleicht diese Email einfach ignorieren?

Mein Einwand darauf, was mir enorme Sorgen machen wuerde, seien nicht die paar persoenlichen Bilder – meinetwegen koennen die Kriminellen diese veroeffentlichen, abdrucken, rumschicken, sich als Poster an die Wand haengen, den Nachbarn zum Geburtstag schenken – problematisch sei jedoch, dass diese Sicherheitsluecke ueberhaupt existiere, und vor allem, was haben diese Kriminellen mit meinen anderen Daten noch so vor?

Da muesse ich mich wohl an die hiesige Polizei wenden – eine Anzeige koenne man dann wohl ans BKA weiterleiten, aber ob dies weiterhelfen wuerde, man haette noch keine aehnlichen Faelle gehabt.

So werde ich mich also morgen frueh auf den Weg machen, und die ugandische Polizei aufsuchen. Vielleicht sind diese professioneller als die weltweit so hochgeschaetzten effizienten Deutschen?

Falls das alles nichts hilft, kann ich ja vielleicht auf den alternativen Vorschlag meiner ugandischen und internationalen Freunde zurueckgreifen: Sie haben bereits die Telefongesellschaft, die die IP Adresse vergeben hat, herausgefunden und hoeren sich im Bekanntenkreis um, ob sie jemanden innerhalb der Firma kennen, der dann mal netterweise den Eigentuemer im Computer nachschaut. Mit dieser Information solle ich dann entweder persoenlich dort auftauchen und ein Riesen Trara veranstalten und alle Moebel zusammenschlagen und Computer kapputmachen, oder ich finde ein paar Leute, die das fuer mich machen. Das waere die Loesung auf ugandische Art – Selbsthilfe – denn man vertraut der Polizei und Behoerden nicht. Meine Freunde sind auch alle bereit mitzukommen, und mir bei dieser Aktion zu helfen.

Meine Konten sind seit Freitag Nachmittag alle gesperrt; meine Kreditkarten lasse ich bereits umtauschen, die Botschaft hat mir angeboten, einen neuen Ausweis auszustellen, und eine neue Fahrerlaubnis.

Wer Uganda immer noch als ein unterentwickeltes Land sieht, ausschliesslich bevoelkert mit hungernden Waisen- und Strassenkindern und die Menschen in Schlammhuetten lebend, sollte mal so langsam seine Meinung ueberdenken. Mich erinnert Uganda irgendwie immer wieder an den Film „Es war einmal in Amerika“ – eine freie, explodierende Wirtschaft im rasanten Aufschwung auf der Basis von Riesenarmut – und diese Entwicklung von enormer Kriminalitaet begleitet.

Uganda darf nicht unterschaetzt werden! Hier leben hoch clevere und intelligente Menschen gepaart mit dem fast aussichtslosen Kampf ums taegliche Ueberleben – eine hochexplosive Mischung und man darf sich nicht wundern, dass man dann mit Dingen konfrontiert wird, die in unserer behueteten Gesellschaft undenkbar sind.

Zudem frage ich mich auch, wieviel diese Erpressungsaktion mit Frust gegen uns erfolgreichen und besserwissenden Weissen zu tun hat – ob das vielleicht gar eine gezielte Aktion ist? Gegen Muzungus allgemein? Geht endlich raus aus unserem Land!

Es ist ja nicht unbekannt, dass, wenn man mit seinem Job unzufrieden ist, dass man desmotiviert zur Arbeit geht und sich haengen laesst. Das ist wahrscheinlich international – und hier habe ich das aber in fast allen Entwicklungsprojekten beobachtet. Unmotivierte Ugander, die sich zu kaum etwas bewegen lassen.

Der gemeine Expat tut solch Benehmen hochnaessig als Dummheit und Traegheit der Ugander ab – ich muss allerdings dem widersprechen – Ugander sind alles andere als dumm und traege. Falls ein Mitarbeiter nicht ‚mitzieht’ ist das mangelnde Motivation; oftmals verursacht durch den auslaendischen Managementstil und/oder mangelnde Identifikation mit dem Unternehmensziel. Viele Ugander muessen sich auch ‚ausgenutzt’ fuehlen – wenn man mal daruber nachdenkt, was bei einem Expat so monatlich auf dem Konto eingeht und dann die ugandischen Fuehrungsgehaelter dem gegenueberstellt. Ziemlich ungleicher Lohn fuer gleiche Arbeit und Ausbildung.

Ich frage mich daher, ob diese Erpressungsaktion vielleicht einfach das naechste Level von Zeigen von allgemeiner Unzufriedenheit mit Entwicklungshilfe ist, nachdem offensichtlich gezeigte Desmotivation keinen Erfolg hatte? Viele meiner Expat-Freunde haben bestaetigt, dass auch sie aehnliche Vorkommnisse hatten – per SMS und Email – man spricht halt nur nicht darueber, und versucht den Vorfall zu vergessen. Zu persoenlich.