Was entwickelt Entwicklungshilfe?

One of thousands donor funded schools

7.9.2009: Bei mir faellt langsam der Groschen! Seit ueber 5 Monaten arbeite ich nun fuer eine Entwicklungsorganisation im offiziellen Auftrage des Entsendelandes und leiste in Uganda Entwicklungshilfe…

Schon mal das schoene Wort “Mittelverwendungszwang” (manche sagen auch “Mittelabflusszwang”) gehoert? Wo das normale (mir bisher in bekannte) Unternehmen taeglich darum kaempft, genug Geld einzunehmen, um die laufenden Kosten bezahlen zu koennen, wird hier um jeden Preis darum gekaempft, das Geld, was man zugewiesen bekommen hat, auszugeben! Hier in Uganda geht es nicht nur um 2 oder 3 Millionen Euro, und hier habe ich nicht nur eine Organisation als Beispiel, sondern alle Entwicklungsorganisationen, einschliesslich der nichtsstaatlichen, grosse internationale Organisationen, seien diese aus Irland, England, Finnland, Frankreich, USA, Belgien, Niederlande, u.s.w.u.s.f…. Klar, man kann das Geld nicht einfach nur so ausgeben und rausschleudern, da gibt es Vorschriften und Richtlinien, Hauptsache aber ist – es muss einen “entwicklungspolitischen” Impakt haben – was immer das auch bedeute. Am besten noch medienwirksam und, am Jahresende einen Landesbericht, dass man besser gemacht hat als die auslaendischen Kollegen (oder besser Konkurrenten?)..

Langsam faellt bei mir der Groschen… hat echt lange genug gedauert…
Es sind knallharte Marketingmittel, ein Business, was dahinter steht… Schicke Geld raus in die Welt und erhoehe somit international Deinen Ruf; so machen das alle grossen Nationen…
Der Wahnsinn ist:
– Ringsherum herrscht Armut und Geld wird dringend gebraucht… aber die Donororganisationen sitzen auf ihren Toepfen, denn…
– Es muessen “gute” Projekte sein … man muss ja dem Steuerzahler und Geldgeber Rechenschaft abgeben, was das Geld bewirkt hat, da kann man nicht jeden Scheiss damit machen…
– Und… das ist der absolute Irrsinn (wo ich erst langsam dahintersteige): Es gibt mehr Geld, als man “gute” Projekte im vorgegeben zeitlichen Rahmen und den vorhandenen Kapazitaeten finden und abwickeln kann – hier kommt der “Mittelverwerndungszwang” ins Spiel (und eine sagenhafte Konkurrenz unter den Geldgebern)

Der Rueckfluss ist nicht vorrangig Business oder neue Maerkte; im Falle meiner Organisation bringt das ausgegebene Geld hochqualifizierte Fachkraefte mit Auslandserfahrung und neuer Motivation zurueck ins heimatland; und wenn man mal darueber nachdenkt, ist es eigentlich offensichtlich, dass es mehr bringt, einen (arbeitslosen) 40jaehrigen mal fuer 2 Jahre ins Ausland zu schicken als zur Uni zur Weiterbildung… die Leute kommen nach 2 Jahren frisch motiviert zurueck mit jeder Menge an neuem Wissen und bringen der Wirtschaft das mehrfache zurueck als der gesamte Auslandseinsatz gekostet hat. Nebenbei macht man Marketing, bekommt vielleicht den einen oder anderen neuen Markt erschlossen, die Hauptsache aber ist, die Qualifizierung seiner Fachleute… Ein unglaublich einfaches und geniales Konzept! Wie die darauf gekommen sind? Im Namen von Entwicklungshilfe! Und das das niemals oeffentlich so diskutiert wird?

Ich arbeite als Technischer Advisor fuer einen ugandischen nationalen Dachverband.. meine Aufgabe ist es nun zu lernen, die Klaviatur der Geldgeber hier spielen zu lernen und diesem Verband zu helfen, diese Klaviatur auch zu spielen… wir sind ein Verband mit einer potentiellen Mitgliederzahl von 1.000. Meine Aufgabe ist, den Verband so zu professionalisieren, dass wir den zahlreichen internationalen Entwicklungsorganisationen den Service anbieten koennen, dass sie ueber uns ihr Geld vernueftig ausgeben koennen; so kann sich dann der Verband finanzieren und hilft nebenbei seinen Mitgliedern, an Foerdermittel ranzukommen und sich zu entwickeln. Geld gibt es hier in Huelle und Fuelle, das Problem ist die Professionalitaet des Verbandes und seiner Serviceleistungen.

Ich kann echt sagen, ein unheimlich spannender Job – ich haette nie im Leben gedacht, dass ich mal einen Job haben werde, wo ich Probleme habe, Geld schnell genug und wirksam genug auszugeben… Es ist eine total andere (verquerte?) Denkweise und man steht im Spagat zwischen Organisationen, die im Geld schwimmen und unseren 1.000 potentiellen Mitgliedsunternehmen, die sich teilweise kaum ueber Wasser halten koennen und dem Verband selber, der nicht genug Mittel fuer Administration hat…

Was mache ich den ganzen lieben langen Tag?
– Ich besuche Mitgliedsunternehmen, um mir ein Gesamtbild zu machen
– Ich besuche die Regionen, wo wir unsere Bueros haben und berate diese, wie man mit den vorhandenen Kapazitaeten Geld verdienen kann
– Ich recherchiere in Serviceleistungen des Verbandes und erarbeite Konzepte, wie man diese professionalisieren kann
– Ich helfe, das Finanzmanagement des Verbandes zu professionalisieren, so dass dieser alle seine Zweigstellen und sich selber kontrollieren kann
– Ich biete Workshops an, um Mitgliedsbetriebe und eigenes Personal auszubilden

Uganda hat ueber 850 Entwicklungsorganisationen, davon vielleicht so um die 100 ganz grosse… Dieser wahnsinnige Druck, Geld vernuenftig auszugeben; dann die Konkurrenz untereinander die besten Projekte abzufassen, foerdert auf keinen Fall Kooperation. Niemand weiss, was die anderen machen, jeder sieht nur seine eigenen Projekte… man erwartet von den einheimischen Partnern, dass sie wissen, was sie wollen, aber es waere kein Entwicklungsland, wenn die lokalen Partner wuessten, wo sie hinwollen… woher soll denn beispielsweise ein Einheimischer wissen, dass er einen Kuehlschrank braucht, wenn er noch nie einen gesehen hat und gar nicht weiss, dass es soetwas ueberhaupt gibt?

Ich habe von einem Strassenbauprojekt gehoert, da wollten die Belgier oder Franzosen investieren… dann kam eine andere Entwicklungsorganisation und hat die Verwaltung bestochen, damit denen das Projekt zugeschoben wird, damit sie ihr Geld noch im Wirtschaftjahr ausgeben koennen… Das ist doch Wahnsinn!

Es gibt uebrigens ernsthafte Stimmen, die sagen, dass Entwicklungsdienst den Entwicklungslaendern mehr schadet als Nutzen bringt… es gibt Universitaeten, die sich mit diesem Thema beschaeftigen… es gibt Stimmen, die fordern, dass sich die Entwicklungsdienste aus den Entwicklungslaendern rausziehen sollen… es gibt sogar Laender selber, die sagen: “Geht raus, lasst uns lieber (ver)hungern, aber wir wollen selber entscheiden”

Trotz all dem… der Entwicklungsdienst hat hier schon irgendetwas geleistet in den letzten 40 Jahren, aber man kann nur sagen “igendetwas”, denn so richtig messbar ist das alles nicht… Fraglich ist, ob die Leute das alles brauchen oder ob man sie haette lieber im Busch und alleine lassen sollen; aber sie sind heute raus aus dem Busch und zunehmend gebildet… Es wird viel Geld “verbrannt” hier im Lande, Nutzen ist schwer messbar, je nachdem mit welcher Messlatte… Nimmt man hier vor Ort den Wert einer Investition und versucht den Nutzen zu messen, dann ist es oftmals ein sagenhaftes Verbrennen von Resourcen (teure Maschinen werden hingestellt und verrotten dann spaeter), nimmt man aber den Wissenzuwachs der Fachkraefte und den Nutzen, wenn zurueck in der Heimat, dann ist die Investition, wenn man diese als Investition in Human Resources und Bildung der eigenen Leute rechnet, wahrscheinlich mehrfach wert. Es kommt echt darauf an, von welcher Perspektive man alles betrachtet…

So, das war echt lang…
Ich moechte betonen, dass ich hier nur meine private Meinung auesere, basiert auf Beobachtungen und Gespraechen hier vor Ort; ich lebe in Uganda/ Kampala und sehe die Situation hier vor Ort – ich kann nicht fuer den Rest der Welt sprechen, da kann es durchaus anders sein… Wuerde mich ueber Eure Meinung freuen…

Originaler Text – Email an Freunde am 7.9.2009